Übersetzt von
Aline Bonnefoy
Veröffentlicht am
30.05.2024
Logistik, Verkehr, Sicherheit … Die Vorbereitungen für die Olympischen Sommerspiele 2024, die vom 26. Juli bis 11. August in Paris stattfinden, stellen die Hauptstadt bereits jetzt vor zahlreiche Herausforderungen. Auch die damit einhergehende Preisexplosion in Paris ist eine Belastungsprobe für die kommenden Fashion Weeks im Juni. Sowohl bei der Herrenmodewoche vom 18. bis 23. Juni, als auch für die zeitlich vorgezogene Haute Couture-Woche vom 24. bis 27. Juni bereitet die Situation den Modemarken bei der Organisation ihrer Schauen, Shootings und Events Kopfzerbrechen. Während die großen Modehäuser geschlossen an der Veranstaltung teilnehmen werden, verzichten verschiedene kleinere Marken darauf, in der Hauptstadt zu defilieren. Und wieder andere haben sich in dieser Saison dafür entschieden, ihre Kollektion in Mailand zu enthüllen.
Die Polizeipräfektur von Paris versichert, dass die Verkehrsbeschränkungen und die Einführung eines digitalen Passes für den Zugang zu spezifischen Zonen erst am 18. Juli vollständig in Kraft treten. Doch mitten in der Stadt der Liebe sind bereits zahlreiche Veränderungen zu beobachten. So werden aktuell die Wettkampfstätten an symbolträchtigen Orten vorbereitet, beispielsweise am Place de la Concorde (der für den Verkehr vollständig gesperrt wird), Trocadero, dem Eiffelturm, dem Champs-de-Mars, dem Quartier Les Invalides, dem Grand Palais, dem Pont Alexandre III (der ebenfalls bereits gesperrt ist) und an den Ufern der Seine. Am Seine-Ufer soll auch die Flussparade zur Eröffnung der Spiele stattfinden. Doch zählen diese Standorte auch zu den zentralen Drehpunkten der Fashion Week. Bereits im Juni werden sie teilweise für den Verkehr gesperrt sein. Darüber hinaus werden auch mehrere Metrostationen geschlossen.
Die Sperrung des öV- und Verkehrs-Knotenpunkts am Place de la Concorde zeichnet sich als bedeutendes Problem ab. Ab dem 1. Juni wird der Platz für den Verkehr gesperrt. Ab dem 17. Juni werden die drei Metrolinien, die den Platz bedienen (1, 8 und 12), die Station bis zum 21. September nicht mehr anfahren. Petit Palais und Grand Palais sind in dieser Zeit ebenfalls nicht zugänglich, während der Jeu de Paume-Platz und ein Teil der Tuilerien-Gärten nur schwer zu erreichen sind.
Dennoch steht die Zeit im Juni in Paris nicht still. So finden zusätzlich zu den Bauarbeiten am 21. Juni die Fête de la Musique und am Abend des 23. Juni auf dem Place Vendôme die Vogue World statt. Es handelt sich um eine bedeutende Show “zur Feier von 100 Jahren Mode und Sport”. Darüber hinaus finden im Juni auch mehrere Modemessen statt, darunter die Man/Woman vom 21. bis 23. Juni und die Welcome vom 20. bis 23. Juni.
Mehr Shuttlebusse für die Besucher
Um diese beiden “abenteuerlichen” Modewochen bestmöglich vorzubereiten, steht der Dachverband Fédération de la haute couture et de la mode (FHCM) seit Monaten in regelmäßigem Kontakt mit der Polizeipräfektur, dem Organisationskomitee der Olympischen Spiele (COJO), der Stadtverwaltung Paris und den zuständigen Ministerien. Lange im Voraus legte der FHCM den Behörden eine Liste mit 260 Standorten vor, die zu den wichtigsten der Fashion Week zählen. 208 dieser Orte wurden genehmigt, doch die anderen wurden aufgrund der Zugangsschwierigkeiten während der Bauarbeiten für die olympische Infrastruktur gestrichen.
Der Palais de Tokyo, der sich in der Nähe des Trocadero und des Place d’Iéna befindet und in dem zahlreiche Modenschauen organisiert werden, sowie der Showroom Sphère, der der jungen Kreationen gewidmet ist, konnten beibehalten werden. Das Institut du Monde Arabe (IMA) wird vor allem von jungen Marken für Modenschauen genutzt. Das Gelände bleibt zwar zugänglich, ist aber insofern problematisch, da es als Parkplatz für die Fahrzeuge des COJO dienen wird. Es wird allgemein davon ausgegangen, dass die Verkehrseinschränkungen die größten Auswirkungen auf die Fashion Week im Juni haben werden. Um Abhilfe zu schaffen, stellt der FHCM den akkreditierten Branchenvertretern sechs Shuttlebusse zur Verfügung (statt wie üblich zwei). Zwei davon werden erstmals die für Präsentationen vorgesehene Strecke bedienen.
Im Vorfeld wurden alle möglichen Auswirkungen mit den betroffenen Akteuren besprochen und genau untersucht, um einen reibungslosen Ablauf zu garantieren. Der Branchenverband betont, dass ein “möglichst einfacher und unkomplizierter Weg von einer Show zur nächsten” vorgesehen wurde. Zusätzlich sei die räumliche Annäherung der Schauen gefördert und zwischen den verschiedenen Veranstaltungen mehr Zeit anberaumt worden. Weiter wurden die Modehäuser aufgefordert, besonders wachsam zu sein und selbst für die Sicherheit an ihren Schauen zu sorgen, da die Polizei in diesem Zeitraum bereits stark gefordert sein wird. Mit Unterstützung der französischen Förderorganisation DEFI wurde für kleinere Marken eine finanzielle Hilfe bereitgestellt, um eigenes Sicherheitspersonal einzustellen.

Trotz dieser Maßnahmen sagten mehrere Marken ihre Teilnahme in Paris ab. Acht Marken, die im Vorjahr in Paris defilierten, stehen in dieser Saison nicht auf dem Kalender. Dazu gehören Botter, EgonLab, Officine Générale, Paul Smith, GmbH und Winnie. Auch Givenchy und Valentino verzichten in dieser Saison auf eine Teilnahme, da sie sich in einer kreativen Übergangsphase befinden. Andere Label wie Ludovic de Saint Sernin, Koché und Etudes Studio, die im Januar nicht nach Paris gereist waren, setzen auch in dieser Saison aus. Sie entschieden sich mehrheitlich für eine Präsentation.
“Es ist eine etwas sonderbare und ungewisse Saison”, sagt Lucien Pagès, dessen Kommunikationsagentur die Modenschauen und Events mehrerer Marken betreut. “Es gibt immer mehr junge Labels, die nur einmal im Jahr defilieren. Dadurch können sie Präsenz zeigen, ohne übermäßig viel Geld auszugeben. Heutzutage kostet eine Modenschau sehr viel Geld. Allein die Miete für den Veranstaltungsort beläuft sich auf 20.000 bis 30.000 Euro, von den Models ganz zu schweigen. Ausländische Labels müssen darüber hinaus ihre Teams vor Ort unterbringen und verpflegen”. Mit dem starken Preisanstieg für Übernachtungen, aber auch für die Veranstaltungsorte seit einem Jahr, sowie durch die schwierige Wirtschaftslage sind diese Kosten für kleine Modehäuser untragbar geworden.
Alternative Möglichkeiten
Die internationalen Käufer seien auch durch die Preiserhöhungen verunsichert worden, die Hotels im Großraum Paris im Hinblick auf die Olympischen Spiele vorgenommen haben. Obwohl die Hotels ihre Preise aufgrund der geringen Auslastung in den letzten Wochen wieder senkten, steht angesichts dieser Veränderungen noch offen, wie viele Besucher aus dem Ausland, und insbesondere aus Asien, tatsächlich anreisen werden.
Deshalb entschieden sich einige der etabliertesten Marken für alternative Optionen. Paul Smith und Marine Serre werden ihre Kollektionen beispielsweise im Rahmen der Pitti Uomo im Juni in Florenz präsentieren. Das Label Officine Générale beschränkt sich in dieser Saison auf eine Präsentation und verlagert den Schwerpunkt der Kampagne nach Mailand. EgonLab setzt auf eine digitale Kampagne mit gezielten Präsentationen in Paris und London und verkauft seine Kollektion ebenfalls in Mailand. “Wir sind in Asien sehr gut aufgestellt, aber viele asiatische Käufer werden im Juni gar nicht nach Paris kommen. Für uns war es nicht tragbar, so viel Geld in eine physische Veranstaltung zu investieren, die nur sehr wenige Leute sehen würden. Wir haben stattdessen in einen Showroom in Mailand investiert, wo wir ein ganzes Netzwerk von Käufern erwarten”, erklärte Kevin Nompeix, Gründer und Designer des Labels.
Die höheren Preise haben viele Marken dazu veranlasst, Paris zu meiden. Das brachte zum Beispiel den Veranstaltungsort Les Galeries du Marais in Bedrängnis, da er seine Räumlichkeiten nicht wie üblich für Präsentationen oder Showrooms vermieten konnte. “Mehrere Designer haben in dieser Saison für ihre Kampagne Standorte in Mailand gemietet. Es werden auch viel mehr Einkäufer nach Mailand kommen, besonders aus den asiatischen Ländern China, Japan und Korea. Diese nehmen normalerweise nicht an der Mailänder Modemesse statt, doch nun reisen sie für die Männermodewoche an. Wir erhalten viele Akkreditierungsanfragen”, erklärt der Präsident der italienischen Modekammer (CNMI), Carlo Capasa.
“Wir sehen auch, dass einige Showrooms, die ihre Kollektionen früher sowohl in Mailand als auch in Paris zeigten, aufgrund logistischer Schwierigkeiten im Zusammenhang mit den Olympischen Sommerspielen diesmal nur einen Showroom in Mailand haben”, fährt er fort. Giacomo Piazza ist einer von ihnen. Der Mitgründer des Showrooms 247, der zu den größten seiner Art in der lombardischen Hauptstadt zählt, bekräftigt: “Wir werden mit Anfragen überschwemmt. Jeden Tag rufen uns Marken an, darunter auch große internationale Namen, und bitten um Hilfe bei der Standortsuche. Wir werden auch immer häufiger von Einkäufern angesprochen, die ihre Präsenz in Paris reduzieren wollen, um mehr Zeit in Mailand zu verbringen.”

Auch der Showroom 247 musste seine Organisation überdenken. “Paris ist an und für sich schon kompliziert. Aber mit dieser Situation war es ein Ding der Unmöglichkeit! Zudem leben wir in einer ziemlich schwierigen Zeit. Die Kosten für die Reise und den Aufenthalt sind exorbitant, dazu die logistischen Schwierigkeiten. Wenn dann die Sichtbarkeit nicht ausreicht … Wir mussten eine Entscheidung treffen. In Absprache mit den wichtigsten Showrooms wie Rainbowwave und Tomorrow haben wir beschlossen, in dieser Saison nicht nach Paris zu gehen, sondern alle Verkäufe auf Mailand zu konzentrieren”, berichtet er.
Üblicherweise vertritt der Showroom 247 rund 40 Marken. Die italienische Geschäftstätigkeit wird in Mailand abgewickelt und die internationalen Verkäufe in Paris. “Wir haben einen 6.000 Quadratmeter großen Showroom, aufgeteilt auf das 16. Arrondissement und Saint-Germain. Dort arbeiten über 100 Personen und wir treffen durchschnittlich 100 Einkäufer pro Tag. Im Juni in die französische Hauptstadt zu reisen, kommt einem Albtraum gleich. Wir können es uns nicht leisten, logistische Probleme zu haben. Es ist eine Frage der Rentabilität”, so der Unternehmer, der deshalb zusätzliche Räumlichkeiten in Mailand anmietete.
Dienstleister im Sog der Olympischen Spiele
Laurent Bandet, Leiter der Pariser Produktionsagentur Petit Ami, bestätigt die komplexe Lage und den Preisanstieg im Vorfeld der Olympischen Sommerspiele. “Bei der Produktion sind die Preise in die Höhe geschnellt, da Scheinwerfer, Ton-, und Lichtanlagen usw. für die Spiele gemietet wurden und viele davon sogar schon im Juni bei mehreren sportbezogenen Veranstaltungen vor den Olympischen Spielen zum Einsatz kommen. Es mangelt auch an Arbeitskräften”, bemängelt der Unternehmer, der während der Fashion Weeks im Juni 14 Projekte betreut. Zu seinen Kunden zählen Häuser wie Ami Paris, Jean Paul Gaultier, Mugler und Y/Project.

Die Schließung bestimmter Zonen und die Einschränkungen im Zusammenhang mit der Vorbereitung der Veranstaltungsstätten bedingen bei den Modemarken zeitliche Anpassungen. Bei der Vorbereitung ihrer Schauen müssen die Lieferungen beispielsweise am frühen Morgen erfolgen. “Wir werden gezwungenermaßen länger arbeiten und mit mehr Einschränkungen konfrontiert sein”, erklärt Laurent Bandet. Es sei ihm jedoch gelungen, die Preise nicht an seine Kunden weitergeben zu müssen, indem er das Personal und vor allem die Standorte dank seiner Agentur Forest schnell genug buchte. Die Agentur verwaltet dreizehn freie Standorte in Paris, die sie für befristete Projekte vermietet.
“Was die kleineren Marken angeht, so ist ihre wirtschaftliche Lage schwächer. Deshalb haben wir Lösungen gefunden, um die Budgets so gut wie möglich unter Kontrolle zu halten. Dies gilt sowohl für die Stammgäste auf den Pariser Laufstegen, von denen einige aus finanziellen Gründen sehr zögerlich waren, oder für kleinere Labels, wie die dänische Marke Louise Lyngh Bjerregaard, die nicht im offiziellen Programm defilieren wird”, erklärt der Geschäftsführer. Für ihn bleibt ‘der Verkehr die größte Unbekannte‘.

Neben den Modenschauen und Verkaufskampagnen dürfen auch die anderen Tätigkeiten der Branche nicht vergessen werden. Diese umfassen sowohl den Verkauf in den Läden als auch die Fotoshootings, die normalerweise in dieser Zeit stattfinden. “Die Marken wollten ihre Shootings in den Mai vorverlegen, aber ich hatte in diesem Monat keine Termine mehr. Im Juni sind wir ausgebucht mit Casting-Tagen, Fittings und Firmenfeiern. Das ist sicher dadurch bedingt, dass wir im Viertel République sind, das abseits der Wettkampfstätten liegt”, erklärt Aline Dupin, Produktionsleiterin beim Foto- und Filmstudio Quartier Général.
Im Juli rechnete das Studio aufgrund der Olympischen Sommerspiele ursprünglich mit einem arbeitsintensiven Monat. Doch ganz im Gegenteil sei “nichts passiert. Es haben sogar ausländische Kunden abgesagt, die sehr frühzeitig eine Modeveranstaltung gebucht hatten. Dazu ist zu sagen, dass die Liste der Sicherheitsauflagen, die von den Organisatoren der Spiele herausgegeben wurde, riesig ist und viele entmutigt hat”, wie sie zu bedenken gibt.
Einem großen Luxusakteur mit Sitz im Zentrum der Hauptstadt wurde von der Regierung davon abgeraten, während der Olympischen Spiele in seinen Büros zu bleiben. Er hat für sich jedoch eine Lösung gefunden: “Wir werden für die Shootings in unsere Londoner Büros ausweichen”, erklärte uns die Marke. Auch die großen Modehäuser rechnen für ihre Pariser Verkaufsstellen in diesem Zeitraum nicht mit fantastischen Umsätzen, sondern sie setzen eher auf ihre feinsten Adressen in London oder Mailand. Dabei ist ihnen durchaus bewusst, dass die Auswirkungen der Olympischen Spiele noch weiter gehen. Vom 28. August bis 8. September finden die Paralympischen Spiele statt, danach werden die Wettkampfstätten bis November schrittweise abgebaut. Somit dürfte es auch an der Fashion Week im September zu Störungen kommen …
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